Dienstag, 25. Mai 2010

Prishtinas Betonwüste, eine 10er Mädels WG und das Heimweh, das keine Chance hat


Das vorherige Mal habe ich über die Gegensätze geschrieben, die das heutige Kosovo prägen und die mich schon letztes Jahr bei meinem Besuch in der ehemaligen Unruheprovinz beeindruckt haben.

Die Verehrung von UCK Kämpfern als Kriegshelden bei gleichzeitiger Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit der jüngsten Nation in Europa, das gibt es nur hier.

Aber an all dies denke ich nicht, als wir mit dem Auto im Kosovo ankommen. Die ganze Nacht sind wir über abwechselnd deutschen, österreichischen, ungarischen und serbischen Autobahnasphalt gebraust. Am Abend noch im frühlingshaften Niederbayern, sind wir nun, 13 Stunden und hunderte Kilometer später, im Kosovo, im Herzen des Balkans angekommen.

Die Straßen wurden dabei immer schlechter, die Schrift auf den Straßenschildern immer fremdländischer, die  Straßenränder immer vermüllter und die Grenzbeamten immer korrupter (an der ungarisch-serbischen Grenze mussten wir dem grimmigen Grenzbeamten unauffällig einen Fünfer zustecken, sonst hätte er unser voll bepacktes Auto gefilzt).

Im Kosovo geht eine verstreute Ansammlung von unverputzten, neugebauten Häusern ohne erkennbare Abgrenzung über in die nächste Siedlung. So bemerke ich fast gar nicht, als wir die Hauptstadt des Kosovo erreichen. Prishtina grüßt uns als eine mit Staub bedeckte chaotische Betonwüste. Autowaschanlagen, neben Klamottenläden, daneben stehen Obsthändler auf dem Gehsteig- wer deutsche Raumordnung gewohnt ist, verzweifelt an dem ungeordneten Drunter und Drüber in der Hauptstadt des Kosovo.

Auch die Aussicht, meine ersten Nächte in einem billigen Guesthouse zu verbringen, ist meiner Laune nicht zuträglich. Worauf habe ich mich da eingelassen? Bis August soll ich in dieser tristen, dabei aber verwirrend ungeordneten Betonwüste bleiben? Im Vergleich kommt mir das heimische Niederbayern, wo gerade der Frühling Einzug hält, besonders idyllisch vor.

Aber schon in meinen ersten Stunden im Kosovo fesseln mich wieder die faszinierenden Gegensätze im Kosovo und halten mich von melancholischen Heimwehgedanken ab.

Zunächst die unglaubliche Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit der Kosovaren: Kaum sind wir angekommen, lädt mich Ariana, eine kosovo-albanische Studentin ein, die ersten Tage in ihrer 10er Mädels WG zu bleiben. Sie wohnt in einem in knalligen Tönen gestrichenen Neubau in Beton-Fertigbauweise. In ihrer Wohnküche, die gleichzeitig der Schlafraum für Ariana und ihre Freundin Flanca ist, sind wir damit schon zu dritt. Beide sprechen nicht nur fließend Deutsch, von dem sie behaupten, dass sie es nur durch deutsches Fernsehen gelernt haben. Auch das Englisch der beiden ist wie aus einem Hollywood Film geklaut- ohne Akzent bekommen sie den amerikanischen Singsang hin. Ich dagegen komme mir mit meinem Benglisch (halb Bayerisch, halb Englisch) schon beinahe hinterwäldlerisch vor.

Im merkwürdigen Gegensatz zu diesen aufgeschlossenen, in den Weltsprachen bewanderten Studentinnen, steht die unzureichende Energie- und Wasserversorgung in der ehemaligen serbischen Provinz, die an ein Dritte-Welt-Land erinnert. Da die Zahlungsmoral der Kosovaren sehr zu wünschen übrig lässt, schaltet die staatliche Energiebehörde in manchen Stadtteilen schon mal den Strom ab. Duschen muss ich deshalb in dem fensterlosen Bad im schummrigen Kerzenlicht. Auch gibt es nur kaltes Wasser. Immerhin, denn ab 23:00 Uhr wird täglich die gesamte Wasserversorgung in der Hauptstadt abgestellt.

Die Gastfreundschaft und Weltläufigkeit der jungen Studentinnen auf der einen Seite und  die infrastrukturellen Einschränkungen auf der anderen, vor lauter Eindrücken habe ich doch glatt schon am ersten Tag mein Heimweh vergessen.



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